100 Jahre Hans Rosenthal

Hans Rosenthal war lange einer der beliebtesten Moderatoren der deutschen Radio- und Fernsehlandschaft. Von den 60er bis in die 80er Jahre wurde er von vielen Menschen verehrt – nicht nur in der alten Bundesrepublik, sondern auch in den Regionen der DDR, wo seine Sendungen empfangen werden konnten. Seiner erfolgreichen Karriere und großen Beliebtheit in Nachkriegsdeutschland geht jedoch auch seine Verfolgung als Jude in der NS-Zeit voraus. Zu seinem 100. Geburtstag schauen wir zurück auf Rosenthals bewegtes Leben, seinen Erfindergeist und sein Vermächtnis.

Der beliebte Quizmaster Hans Rosenthal in einer Fernsehsendung im Jahr 1985.
Der beliebte Quizmaster Hans Rosenthal in einer Fernsehsendung im Jahr 1985. (picture alliance/United Archives | KPA)

Radio | Der Beginn der Karriere beim RIAS

Die meisten Menschen kennen Hans Rosenthal als Moderator vor der Kamera, der das Publikum mit seiner sympathischen Art und seinen beliebten Shows fesselte. Seine Medien-Karriere begann allerdings weit früher, bereits wenige Tage nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Im Mai 1945 begann er eine Ausbildung beim Berliner Rundfunk, wo er unter anderem als Regieassistent arbeitete. 1948 wechselte er zum Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS), wo er als Aufnahmeleiter und später als Unterhaltungsredakteur tätig war. In den 1950er bis 1980er Jahren moderierte Rosenthal eigene Unterhaltungs- und Quizsendungen und wurde rasch zu einem der beliebtesten deutschen Showmaster. 1962 wurde er zum Abteilungsleiter Unterhaltung beim RIAS ernannt.
Historisches und denkmalgeschütztes RIAS-Gebäude, Berlin
Historisches und denkmalgeschütztes RIAS-Gebäude, Berlin (IMAGO / Schöning)
Das RIAS-Funkhaus in Berlin-Schöneberg war von 1948 bis 1993 der Hauptsitz des RIAS Berlin und ist seit 1994 Sitz von Deutschlandradio. Als denkmalgeschütztes Gebäude mit seiner einzigartigen Architektur und historischen Innenausstattung ist es ein bedeutender Teil der deutschen Rundfunkgeschichte.
Zu seinen bekanntesten Radiosendungen gehören „Allein gegen alle“ und das „Klingende Sonntagsrätsel“. Letztere wurde genutzt, um zu testen, wie weit der RIAS in die DDR ausstrahlte. Anhaltspunkt dafür boten die vielen Postkarten mit den Antworten auf das Rätsel, die es trotz Abfangversuchen aus der DDR in das Funkhaus des RIAS in Berlin schafften. Das „Klingende Sonntagsrätsel“ wurde schnell zu einem großen Erfolg und so etablierte sich die Sendung fest im Programm. Auch heute läuft sie noch jeden Sonntag auf Deutschlandfunk Kultur und ist damit eine der ältesten Radiosendungen in Deutschland.
Hören Sie rein:
Hans Rosenthal bei der Aufzeichnung des klingenden Sonntagsrätsel im Jahr 1966.
Hans Rosenthal bei der Aufzeichnung des klingenden Sonntagsrätsel im Jahr 1966. (Deutschlandradio/Karl-Heinz Schubert)
Das "Klingende Sonntagsrätsel" - Folge 500

Im März 1965 zum ersten Mal von Hans Rosenthal moderiert, läuft die Sendung seit 60 Jahren nach dem gleichen Muster ab: Sechs Fragen zu sechs Musikstücken ergeben jeweils einen Buchstaben, aus denen sich dann das Lösungswort zusammensetzt. Wer die richtige Antwort in den zehn Tagen nach der Ausstrahlung einsendet, nimmt an der Verlosung eines Überraschungspakets teil.
1963, RIAS-Plakat "Allein gegen alle - die neue unterhaltende Direktsendung, diesmal aus Berlin"
1963: "Allein gegen alle" (Entwurf: unbekannt / © Deutschlandradio)
"Allein gegen alle" - Folge 1

Eine Einzelperson trat gegen eine ganze Stadt an. Ein von der Stadt zusammengestellter Personenkreis, oft unter Leitung der Bürgermeisterei, war telefonisch mit der Show verbunden. Die antretende Person stellte fünf anspruchsvolle Fragen, und die Stadt hatte 15 Minuten Zeit, um bis zu drei Antworten pro Frage zu finden. Dabei konnten auch die Stadtbewohnenden ihre Vorschläge und Ideen an den ausgewählten Personenkreis weitergeben. Jede falsche Antwort der Stadt brachte der gegnerischen Einzelperson Punkte. Bei einem Sieg durfte diese gegen immer größere Städte antreten.

Fernsehen | Die Zeit beim ZDF

Hans Rosenthals wachsende Beliebtheit führte ihn später neben dem Radio auch ins Fernsehen. Am bekanntesten wurde er durch die Show „Dalli Dalli“, die er von 1971 bis 1986 im ZDF moderierte. Genau 153-mal führte er durch die Show, die millionenfach in deutschen Wohnzimmern lief und Zuschauerinnen und Zuschauer begeisterte. Sein berühmter Spruch „Sie sind der Meinung, das war ...?“, worauf das Publikum mit „Spitze!“ antwortete, ist noch heute in Erinnerung.
Schauen Sie rein:
"Dalli Dalli"

Die prominenten Kandidatinnen und Kandidaten mussten nicht mit Wissen glänzen, sondern durften in Geschicklichkeitsspielen Teamgeist und Humor beweisen. Nach der Anmoderation der Aufgabe gab Moderator Hans Rosenthal das berühmte Startsignal: "Dalli Dalli!". Das erspielte Geld ging immer an einen guten Zweck.

Neben „Dalli Dalli“ moderierte Hans Rosenthal zahlreiche andere erfolgreiche Formate wie „Rate mal mit Rosenthal“, „Gut gefragt ist halb gewonnen“ und „KO OK“ und prägte damit das deutsche Fernsehen der 70er und 80er Jahre. Durch seine einfühlsame und respektvolle Art im Umgang mit den Kandidatinnen und Kandidaten gewann er dabei immer wieder aufs Neue die Herzen des Publikums.

Hans Rosenthal als Zeitzeuge des Holocausts

Die öffentlichkeitswirksame Zeit vor Mikrofon und Kamera war jedoch nur das „zweite Leben“ von Hans Rosenthal – während das erste ein Kampf ums Überleben war. Hans Rosenthal wurde 1925 in Berlin geboren und verlebte zunächst eine friedliche Kindheit. Seine Jugend hingegen war geprägt von Verlust und Verfolgung.
Mit nur zwölf Jahren verlor er seinen Vater, daraufhin begann für ihn und seinen Bruder eine schwere Zeit. Als Totengräber auf einem Friedhof und in einer Fabrik musste Hans Rosenthal Zwangsarbeit leisten. Im November 1941 starb auch seine Mutter und die beiden Brüder kamen in ein Waisenhaus in Berlin, Prenzlauer Berg. Im Jahr darauf wurde sein Bruder Gert nach Riga deportiert, dort verliert sich seine Spur. Hans Rosenthal hoffte noch viele Jahre, dass sein Bruder überlebt hatte. Erst in den 60er Jahren erhielt er eine offizielle Todesmeldung durch das Deutsche Rote Kreuz. Er selbst entkam nur durch eine Reihe glücklicher Zufälle der Deportation ins Konzentrationslager und konnte sich durch die Hilfe der drei Frauen Ida Jauch, Emma Harndt und Maria Schönebeck zwei Jahre lang in der Laubenkolonie „Dreieinigkeit“ in Berlin-Lichtenberg vor den Nazis verstecken.
Schauen Sie rein:
Als Mitglied im Zentralrat der Juden und als Vorsitzender der Repräsentantenversammlung in Berlin setzte sich Hans Rosenthal abseits der Kamera aktiv für jüdisches Leben in Deutschland ein.

Rosenthal und die Familie: Ein neues Leben nach dem Krieg

Der Verlust seiner Angehörigen im Zweiten Weltkrieg und die grausamen Erfahrungen während des Holocausts machten die Familie, die er sich später aufbaute, zu einem zentralen Bestandteil von Rosenthals Leben. Sie gab ihm Geborgenheit und Halt. Trotz seiner erfolgreichen Karriere stand für ihn die Familie immer an erster Stelle.
„Nach dem frühen Tod meiner Eltern, dem noch heute schmerzenden Verlust meines Bruders und dem Tod meiner Großeltern, hatte ich praktisch aufgehört, eine Familie zu haben. Familie – das ist für mich Geborgenheit, eine Schutzzone der Ruhe und des Miteinanders. Ich habe meine Familie gerade in den schwersten Jahren meines Lebens verloren. Daß ich jetzt wieder eine Familie habe, ist für mich vielleicht das Schönste an meinem neuen Leben.“ (Hans Rosenthal)
Gert Rosenthal und Birgit Hofmann erinnern sich, dass ihr Vater aufgrund seiner vielen Sendungen selten zu Hause war. Die Zeit, die ihnen als Familie blieb, war daher sehr kostbar. Ob Schach, Skat oder Fußball – Hans Rosenthal war immer für ein Spiel mit seinen Kindern zu haben. Auch für Familienfeste organisierte er Spiele und sorgte damit für gute Stimmung. Besonders in Erinnerung geblieben ist das gemeinsame Hören des Sonntagsrätsels. Wenn die Kinder das Lösungswort zu schnell erraten hatten, war er fast ein bisschen enttäuscht – es sollte schließlich knifflig sein! Gert Rosenthal und Birgit Hofmann waren sogar aktiv an der Gestaltung des Sonntagsrätsels beteiligt. Auf langen Autofahrten dachten sie sich interessante Wörter aus, die als Lösungswörter dienen konnten. Und wenn eines ihrer Wörter tatsächlich in der Sendung landete, gab es zur Belohnung fünf Pfennig.

Hören Sie rein:
Schwarz-weiß Bild von Hans Rosenthal im Jahr 1970 bei der Moderation seiner Hörfunksendung "Klingendes Sonntagsrätsel" in Berlin in einem Studio vor Mikrofonen.
Hans Rosenthal (picture alliance / Sammlung Richter)
„Unser Vater, der Showmaster“

Vor 60 Jahren lief das erste „Klingende Sonntagsrätsel“ im damaligen RIAS – mit Hans Rosenthal als Moderator. Seine Kinder Gert Rosenthal und Birgit Hofmann erinnern sich an den Vater und erzählen, wie beliebt die Ratesendung auch in der DDR war.

Die Bedeutung von Hans Rosenthal für die Medienwelt

Rosenthal sah in seiner Arbeit bei den Medien aber nicht nur eine berufliche Karriere, sondern auch eine Chance, den Menschen zu zeigen, dass jüdische Menschen genauso sind, wie alle anderen: „Du musst den Menschen, die damals und heute kein wahres Bild von uns Juden haben, durch deine Existenz, durch das, was du tust, zeigen: Wir Juden sind Menschen wie alle anderen. Nicht besser, nicht schlechter. Das wollte ich allen zeigen. Das war der Grund, warum ich nach dem Krieg sofort zum Rundfunk ging“.

Hören Sie rein:
Porträt von Hans Rosenthal, 1964.
Porträt von Hans Rosenthal, 1964. (Deutschlandradio/Karl-Heinz Schubert)
Hans Rosenthal über seinen Weg zum Radio

Er überlebt als Jude den Nationalsozialismus in Berlin. Nur wenige Tage nach Kriegsende geht er 1945 zum Berliner Rundfunk, um „den Leuten zu sagen, dass alle Menschen gleich sind“.

Hans Rosenthal und der Fußball

Fußball war für Hans Rosenthal neben seiner Karriere im Funk und Fernsehen eine zweite große Leidenschaft. Er gründete, leitete und kickte aktiv mit. Seine sportliche Heimat war der Fußball-Club Tennis Borussia Berlin. Ab 1965 übernahm er sogar das Amt des Präsidenten und lenkte fortan die Geschicke des Vereins. Auch nach seiner Zeit als Präsident blieb Rosenthal dem Verein treu und sein Erbe hallt bis heute nach. Die TeBe-Prominenten-Elf, die er 1950 gemeinsam mit anderen Berühmtheiten gründete, trägt seit seinem Tod 1987 den Namen „Hans-Rosenthal-Elf“.

Ein Erbe, das bis heute wirkt

Hans Rosenthal starb am 10. Februar 1987 im Alter von 61 Jahren an den Folgen von Magenkrebs. Doch sein Lebenswerk und seine Botschaft hallen bis heute nach.
Er war nicht nur ein talentierter Entertainer, sondern auch ein Mensch, der den Kontakt zu seinen Fans genoss und sich für das gesellschaftliche Miteinander einsetzte. Auch Jahrzehnte nach seinem Tod lebt sein Erbe weiter – sowohl in den Herzen der Menschen, die ihn kannten, als auch durch die besonderen Medienmomente und Formate, die er geprägt hat.
Die von ihm ins Leben gerufene Aktion "Dalli-Dalli-hilft" setzte sich für Menschen in Notlagen ein. Nach seinem Tod wurde diese Arbeit durch die Gründung der Hans-Rosenthal-Stiftung fortgeführt. In Würdigung seiner Person und zur Erinnerung an sein Werk und Schicksal hat es sich die Stiftung zur Aufgabe gemacht, Menschen zu unterstützen, die aufgrund körperlicher, geistiger oder seelischer Zustände auf Hilfe angewiesen sind oder in eine wirtschaftliche Notlage geraten sind.  Zu den Gründern der Stiftung gehörten unter anderem Rosenthals Frau Traudl, sein Sohn Gert, das ZDF, der frühere RIAS-Intendant Bernhard F. Rohe  und die Jüdische Gemeinde zu Berlin. 
Doch nicht nur in der Stiftung lebt sein Vermächtnis weiter. Wie kaum ein zweiter prägte Hans Rosenthal lange Zeit das Programm im RIAS, aus dem 1994 zusammen mit dem Sender DS-Kultur und dem Deutschlandfunk das bundesweite Deutschlandradio hervorging. Heute ist der Platz am Berliner Deutschlandradio-Funkhaus nach ihm benannt.
Hans-Rosenthal-Platz in Berlin
Hans-Rosenthal-Platz in Berlin (IMAGO / Jürgen Ritter)
Das „Klingende Sonntagsrätsel“ wird noch immer jeden Sonntag im Programm von Deutschlandfunk Kultur gesendet. Nach Hans Rosenthal prägte Christian Bienert die Ratesendung für 25 Jahre. 2013 übernahm Uwe Wohlmacher, seit 2017 ist Ralf Bei der Kellen Moderator der Sendung. Deren Konzept hat sich im Grundsatz nicht geändert: Sechs Fragen zu sechs Musikstücken ergeben jeweils einen Buchstaben, aus denen sich dann ein Lösungswort zusammensetzt. Wer die richtige Lösung in den zehn Tagen nach der Ausstrahlung einsendet, nimmt an der Verlosung eines Überraschungspaketes teil. Auch heute noch schicken rund 2.000 Hörerinnen und Hörer jede Woche ihre Lösung ein. Zum 60-jährigen Jubiläum der Sendung hat Hans Rosenthal noch einmal das „Klingende Sonntagsrätsel“ gemeinsam mit Ralf Bei der Kellen moderiert. Die einmalige Sendung entstand in Abstimmung mit der Familie von Hans Rosenthal unter Nutzung von Archivmaterial und mithilfe einer digitalen Stimmnachbildung. Sie macht die Begeisterung, mit der Hans Rosenthal Millionen Hörerinnen und Hörern in Ost und West ans Radio fesselte, noch einmal hörbar:
Hans Rosenthal sitzt an einem großen Schreibtisch voller Zuschriften in einem Büro, in dem auch ein großes Radio zu sehen ist.
Hans Rosenthal mit Postbergen, die für das "Klingende Sonntagsrätsel" eingetroffen ist. (Deutschlandradio)
60 Jahre Sonntagsrätsel

In diesem Jahr feiern wir den Erfinder des Sonntagsrätsels besonders groß: das 3000. Rätsel ging im Februar auf Sendung – ein Format, das vor 60 Jahren das erste Mal im Radio ausgestrahlt wurde. In dieser Ausgabe treffen der erste und der aktuelle Moderator aufeinander und sind gemeinsam zu hören.
Am 2. April wäre Hans Rosenthal 100 Jahre alt geworden. An seine Bedeutung für die deutsche Medien- und Nachkriegsgeschichte erinnern die Deutschlandfunk-Programme mit weiteren Sendungen und Formaten. Die Sendereihe „Aus den Archiven“ im bundesweiten Kulturprogramm beschäftigt sich seit dem 8. März in vier aufeinanderfolgenden Sendungen mit Hans Rosenthal.
Hören Sie rein:
Zum 100. Geburtstag von Hans Rosenthal zeigt das ZDF einen Fernsehfilm, der sein Leben als Holocaust-Überlebender und beliebter Showmaster beleuchtet.

Schauen Sie rein:
Hans Rosenthal (Florian Lukas, 2.v.l.) ist 1978 einer der prominentesten Showmaster, begleitet von seinem Team Mady Riehl (Theresia Wald, r.), "Ekki" Fritsch (Timo Dierkes, 2.v.r.) und Brigitte Xander (Katharina Völkl, l.).
Filmstill „Rosenthal" (ZDF/Ella Knorz)
„Rosenthal" (93 min) - Regie: Oliver Haffner

Hans Rosenthal (Florian Lukas, 2.v.l.) begleitet von seinem Team Mady Riehl (Theresia Wald, r.), "Ekki" Fritsch (Timo Dierkes, 2.v.r.) und Brigitte Xander (Katharina Völkl, l.).

Die Seite entstand als ein Gemeinschaftsprojekt von Deutschlandradio und ZDF im Rahmen des Ausbildungsprogramms von Trainees der Abteilungen Kommunikation und Marketing sowie Dokumentation und Archive.
Wie arbeitet eigentlich das Archiv des Deutschlandradios? - Mehr Information zu Dokumentation und Archive finden Sie hier.